Von Wolfgang Fürst,
Aikido-Dojo Enshiro
, Salzburg / Österreich
Das auffallendste Merkmal am Gi eines (fortgeschrittenen) Aikidoka
ist sicherlich der Hakama. Der Hakama, welcher an einen Hosenrock
erinnert, ist ein traditionelles Kleidungsstück der japanischen
Samurai, also normale Bekleidung. Der Gi, der in den meisten anderen
Budo-Künsten wie z.B. Judo oder Karate getragen wird, stellt
eigentlich Unterwäsche dar.
Im japanischen Mittelalter und bis an den Anfang unseres Jahrhunderts
wurden je nach Verwendungszweck unterschiedliche Arten von Hakamas
getragen. Es gab Hakamas für die Fußsoldaten, für Reiter als
Beinschutz oder für Tanzvorführungen. Im Kampf hatte der Hakama neben
seiner Schutzwirkung für die Beine noch einen anderen Zweck: Er
diente dazu, die genaue Stellung der Füße zu verdecken. Dies hatte
eine besondere Bedeutung für den Schwertkampf, wo man aus der
Position der Füße Rückschlüsse auf den kommenden Angriff oder die zu
erwartende Verteidigungsstrategie ziehen konnte.
Im heutigen Aikido wird in den meisten Fachverbänden der schwarze
Hakama nur von Danen getragen, in anderen Verbänden schon ab dem
fünften Kyu. Es ist weder falsch noch richtig, ab welcher Graduierung
ein schwarzer Hakama getragen wird. Es ist einfach nur anders. Der
tatsächliche "Wert" der Graduierung eines Budoka wird durch das
jeweilige Individuum vermittelt bzw. ausgedrückt und nicht durch
äußerliche Zeichen.
Aus traditioneller Sicht allerdings ist es richtig, daß JEDER
Aikidoka, unabhängig von seiner Graduierung, einen (schwarzen) Hakama
trägt. Saotome Sensei berichtet hierzu von einem Erlebnis, welches er
während seiner Lehrzeit als persönlicher Schüler beim Begründer des
Aikido hatte:
"Als ich Uchi-deshi bei O-Sensei war, war jedermann verpflichtet,
beim Üben einen Hakama zu tragen, beginnend beim ersten Mal, wo die
Matte betreten wurde. Es gab keine Beschränkungen, welche Art von
Hakama getragen werden durfte, und daher war das Dojo ein sehr bunter
Ort.
Man konnte Hakamas aller Arten, Farben und Qualitäten sehen:
Kendo-Hakamas, gestreifte Hakamas, die im japanischen Tanz verwendet
wurden und auch teure Seidenhakamas, genannt Sendai-hira. Ich glaube,
daß manche der beginnenden Schüler vom Teufel geritten wurden, wenn
sie sich von ihren Großvätern wertvolle Hakamas ausliehen, die nur
dafür bestimmt waren, bei speziellen Anläßen und Feiern getragen zu
werden und dann deren Knie beim Üben von Suwari-waza durchscheuerten.
Ich erinnere mich lebhaft an den Tag, als ich meinen Hakama vergessen
hatte. Ich war gerade dabei, die Matte zu betreten, wobei ich nur
meinen Dogi trug, als O-Sensei mich stoppte.
"Wo ist dein Hakama?"
wollte er streng von mir wissen.
"Was veranlaßt dich zu denken, du könntest den Unterricht deines
Lehrers erhalten, wenn du nichts anderes trägst, als deine
Unterwäsche? Hast Du keinen Anstand? Es mangelt dir
offensichtlich an der Einstellung und der Etikette, die notwendig
sind für jemanden, der dem Budo-Training folgt. Geh und setz'
dich an die Seite und sieh zu!"
Das war nur eine von vielen Schelten, die ich von O-Sensei erhalten
sollte. Meine Ignoranz in dieser Angelegenheit jedoch bewog O-Sensei
dazu, seinen Uchi-deshi nach dem Unterricht über die Bedeutung des
Hakamas einen Vortrag zu halten. Er erklärte uns, daß der Hakama das
traditionelle Kleidungsstück der Kobudo-Schüler war und fragte uns,
ob einer den Grund für die sieben Falten im Hakama kenne.
"Sie symbolisieren die sieben Tugenden des Budo"
, sagte O-Sensei.
"Diese sind JIN (Güte), GI (Ehre/Gerechtigkeit), REI
(Höflichkeit/Etikette), CHI (Weisheit/Intelligenz), SHIN
(Aufrichtigkeit), CHU (Loyalität) und KOH (Pietät). Wir finden
diese Eigenschaften in den hervorragenden Samurai der
Vergangenheit. Der Hakama bringt uns dazu, über die Natur des
wahren BUDO nachzusinnen. Ihn zu tragen, symbolisiert die
Traditionen, die von Generation zu Generation schließlich auf
uns übertragen wurden. Aikido wurde geboren aus dem Geist des
japanischen Bushido (Anm.d.Übers.: Weg des Kriegers), und
in unserem täglichen Üben müssen wir uns bemühen, diese sieben
traditionellen Tugenden zu vervollkommnen."
Derzeit folgen die meisten Aikido-Dojos nicht der strikten Politik
von O-Sensei hinsichtlich der Frage des Tragens des Hakama. Seine
Bedeutung degenerierte von einem Symbol traditioneller Tugend zu
einem Statussysmbol für Yudansha (Anm.d.Übers.: Danträger). Ich bin
in vielen Dojos in vielen Ländern gewesen. An vielen Orten tragen nur
die Yudansha einen Hakama, die Yudansha haben ihre Bescheidenheit
verloren. Sie denken an einen Hakama als eine Auszeichnung, als ein
sichtbares Zeichen ihrer Überlegenheit. Diese Art von Einstellung
macht aus der Zeremonie des Verbeugens in Richtung O-Sensei, mit der
wir den Unterricht beginnen und beenden, eine Verspottung seines
Gedenkens und seiner Kunst.
Noch schlechter ist es, daß in manchen Dojos von den Frauen mit
Kyu-Graden (und nur von den Frauen) verlangt wird, einen Hakama zu
tragen, angeblich, um deren Anstand zu wahren. Für mich ist das
beleidigend und diskriminierend gegenüber weiblichen Aikidokas. Es
ist ebenso beleidigend für männliche Aikidokas, da es ihnen eine
niedere Geisteshaltung unterstellt, die auf der Aikido-Matte keinen
Platz hat.
Es macht mich traurig, den Hakama solch kleinlichem Gebrauch
ausgesetzt zu sehen. Manchen mag dies als ein ganz gewöhnliches Thema
erscheinen, aber ich erinnere mich gut an die grosse Wichtigkeit, die
O-Sensei dem Tragen des Hakamas beimass. Ich kann diesem
Kleidungsstück nicht seine Bedeutung absprechen, und keiner, denke
ich, kann den großen Wert der Tugenden bestreiten, die er
symbolisiert.
In meinem Dojo und den angeschlossenen Schulen ermutige ich alle
Schüler, unabhängig von ihrer Graduierung, Hakamas zu tragen. (Ich
verlange es aber nicht, bevor sie ihren ersten Kyu-Grad erhalten
haben, da Anfänger in den Vereinigten Staaten in der Regel keinen
japanischen Großvater haben, dessen Hakama sie borgen können.) Ich
fühle, daß das Tragen eines Hakamas und das Wissen um seine Bedeutung
den Schülern hilft, sich des Geistes von O-Sensei bewußt zu sein und
seine Idee am Leben zu erhalten.
Wenn wir es erlauben, die Wichtigkeit des Hakamas verschwinden zu
lassen, werden wir vielleicht auch damit beginnen es zuzulassen, daß
fundamentale Dinge aus dem Geist des Aikido in Vergessenheit geraten.
Wenn wir andererseits aber treu gegenüber O-Sensei's Wünschen an
unsere Übungskleidung sind, ist unser Geist vielleicht näher an dem
Traum, dem er sein Leben gewidmet hat."
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